SPD Neujahrsempfang: Die Frage nach der Toleranz

Veröffentlicht am 22.01.2010 in Aktuell

Peter Steinacker referierte umfassend über Chancen und Hürden bei der Integration

(Bericht Westerwälder Zeitung, Thomas Sonnenschein, Foto Röder-Moldenhauer)

Der bis 2008 amtierende Kirchenpräsident Professor Peter Steinacker setzt sich engagiert ein für qualifizierte Bildung. Kinder aus Migrationsfamilien dürfen nicht zurückbleiben.

Zum traditionellen Neujahrsempfang der SPD begrüßte der Fraktionssprecher im Verbandsgemeinderat, Hans-Alfred Graics, nicht nur Parteigenossen in der Bad Marienberger Stadthalle. Ehrengast war der Kirchenpräsident im Ruhestand, Professor Peter Steinacker, den Graics als guten Freund Bad Marienbergs bezeichnete. Steinacker habe sich dafür eingesetzt, dass es am Evangelischen Gymnasium in Bad Marienberg möglich sei, in der Badestadt Abitur zu machen.

Das Gymnasium ist bereits das vierte Schulprojekt, das durch den Einsatz Steinackers ins Leben gerufen wurde. Ihm ist es wichtig, dass sich die Kirchen für die Bildung im Land einsetzen, nicht als Konkurrenz zu staatliche Schulen, sondern als pädagogisches Modell.

Bedeutend für die Gesellschaft in Deutschland sei die Wissenschaft, denn diese sei das eigentliche Kapital unseres rohstoffarmen Landes. Darum engagiert sich Steinacker auch so für die Bildung: "Wir können es uns auf Dauer nicht leisten, 20 bis 30 Prozent der Immigrantenkinder außerhalb der Bildung zu halten," mahnte er. Unzufriedenheit und Zweiklassengesellschaft wären die Folge. Bei seinem Vortrag zum Thema "Chancen und Grenzen des Dialoges mit dem Islam" betonte er das notwendige Maß an Toleranz, wenn zwei Religionen aufeinandertreffen, die beide für sich beanspruchen, alleiniger Heilsbringer zu sein."Wörtlich genommen ist Integration nicht das, was es sein soll", sagte Steinacker, der für ein besseres Verständnis die Aufgaben einer Gesellschaft analysierte. Überall, wo Menschen zusammenkämen entstünde eine Verteilung der Macht mit einem strikten Reglement für das Zusammenleben. Heute seien wir in einer Umbruchphase. Zum Beispiel bringe der internationale Wettbewerb im Zuge der Globalisierung eine zunehmende soziale Kälte und oft auch Dumpinglöhne. Frustration und Politikverdrossenheit der Jugend seien unübersehbar. Mit nur einem Blick in die Zuhörerschaft erkannte er, dass in der Stadthalle kaum jemand jünger als 30 Jahre war.

Die großen Volksparteien gerieten in die gleiche Krise wie die Kirchen. Die Vormachtstellung in der Gesellschaft werde kleiner. Vor 20 Jahren, als die christlichen Kirchen noch das Monopol in der Religion hatten, sei ignoriert worden, dass Gastarbeiter in Deutschland ebenfalls das Bedürfnis hatten, ihre Religion auszuüben. "Zum Menschsein gehört die Religion dazu, nicht nur die Arbeit", kommentierte Steinacker.

Längst ist der Islam in Deutschland zur drittgrößten Religion mit rund vier Millionen Anhängern gewachsen. Ein Grundproblem sei die falsche Identifikation islamischer Mitbürger mit dem Terrorismus. Fremdartig wirke die Verbindung von Kirche und Staat. In der Geschichte Europas gab es heftige Kämpfe um die Säkularisierung. Seither sind Kirche und Staat voneinander getrennt, was im Deutschland der Gegenwart als völlig normal empfunden wird. In vielen Herkunftsländern der Migranten habe es eine solche Trennung nie gegeben. Die gesellschaftlichen Regeln dort seien andere als bei uns. Selbst in der gemäßigten Türkei gebe es noch immer ein Ministerium für Religion.

Auf der einen Seite gehe Integration nur, wenn Immigranten das Grundgesetz akzeptieren, andererseits sei die Scharia oberstes göttliches Gesetz für viele Einwanderer. Es müsse also zu einer gegenseitigen Annäherung kommen, zu einem veränderten Denken in beiden Gesellschaften, sonst drohe Gettobildung. Den Begriff Toleranz dürfe man dabei nicht verwechseln: "Toleranz heißt nicht, ich mag dich, weil du so bist wie ich, sondern: ich akzeptiere dich, weil du anders bist als ich", erinnerte Steinacker, "wenn wir diese Toleranz schaffen, haben wir eine ungeheure Chance auf Freiheit in unserem Land."

Während der Veranstaltung wurden Spenden für die evangelische Kirche zugunsten der Erdbebenopfer auf Haiti gesammelt. (son)

 

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